Winterhilfe Spenden

16.03.2026

Y biss mi dure

Knapp sechs von zehn in der Schweiz wohnhaften Personen suchen gemäss den Zahlen des BFS von 2022 im Laufe eines Jahres eine Zahnärztin oder einen Zahnarzt auf. Fakt ist: Das Ausbleiben zahnärztlicher Behandlungen inkl. Dentalhygiene geht mit einem erhöhten Risiko für eine schlechte Zahngesundheit einher. Gleichzeitig trägt eine gute Mund- und Zahngesundheit wesentlich zum allgemeinen Wohlbefinden, zur Lebensqualität, zum Selbstbewusstsein sowie zur sozialen Teilhabe bei. 

Ein schönes Lächeln öffnet Türen

„Ein schönes Lächeln öffnet einem viele Türen“ sagt eine junge Frau, die kürzlich an einem Runden Tisch teilgenommen hat, der von ATD Vierte Welt und der Winterhilfe Schweiz zum Thema Zahngesundheit durchgeführt wurde. Sie hält deshalb auch fest: «Für mich ist die Zahngesundheit sehr wichtig». Trotzdem sagt sie: «Man versucht alles, um Kosten zu vermeiden und geht dann nur noch zum Zahnarzt, wenn es nicht mehr anders geht». Eine Realität, mit der viele Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, konfrontiert sind. 

Die neu publizierten Zahlen des BFS zeigen, dass Armut weiterhin eine weitverbreitete Realität ist. Im Jahr 2024 waren 8,4% der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Insgesamt 16,4% der Schweizer Bevölkerung gelten als armutsgefährdet. Dieser Anteil umfasst sowohl armutsbetroffene Personen als auch Personen, deren Einkommen nur geringfügig über der Armutsgrenze liegt. Die Teilnehmenden des Runden Tisches haben alle Armutserfahrung und berichteten von ihren persönlichen Herausforderungen im Umgang mit zahnärztlichen Leistungen sowie dem wahrgenommenen Unterstützungsbedarf im bestehenden System. Zudem wurde in diesem Zusammenhang auch der Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft SSO befragt, um seine Sichtweise ebenfalls darzustellen.

Der Zusammenhang zwischen Armut und Mund- und Zahngesundheit

Die finanzielle Belastung, die mit der Zahngesundheit verbunden ist, betrifft besonders Menschen mit geringem Einkommen. Laut dem Obsan-Bericht und aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) von 2023 zeigt sich ein klarer Zusammenhang: Je niedriger das Einkommen, desto häufiger verzichten Menschen auf zahnärztliche Behandlungen. Gleichzeitig geben Personen in (sehr) schwieriger finanzieller Lage an, eine (sehr) schlechte Mund- und Zahngesundheit zu haben, deutlich häufiger als Personen in (sehr) guter finanzieller Situation. Dies zeigt sich auch in den Erzählungen einer Teilnehmerin des Runden Tisches: „Wenn ich in der Gassenküche für das Essen anstehe, sagen einige, auch jüngere Menschen, dass sie nur weiches Essen wollen. Ihnen fehlen die Zähne.“

Zahn- und Mundgesundheit auch ein Generationsaspekt

«Leider wird verkannt, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen für eine gute Zahngesundheit haben. Die Lebensumstände in der Kindheit spielen gerade bei den Zähnen eine grosse Rolle.“ schildert eine ältere Dame am runden Tisch. Sie berichtet, dass die Schulzahnpflege, die heute gute Arbeit leistet, in ihrer Kindheit kein Thema gewesen sei. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr habe sie lediglich zweimal einen Zahnarzt aufsuchen können. Die fehlende Prävention und Versorgung hinterliessen deutliche Spuren. Aufgrund ihrer lebenslangen Betroffenheit von Armut habe sie später kaum Möglichkeiten gehabt, diese Versäumnisse zu korrigieren oder notwendige Behandlungen nachzuholen.

Gründe für den Verzicht

In der Schweiz werden zahnärztliche Leistungen nur von der obligatorischen Krankversicherung übernommen, wenn eine schwere, unvermeidbare Erkrankung des Kauapparates vorliegt. Kassenpflichtige Zahnerkrankungen sind jedoch selten, sodass die Kosten für Zahnbehandlungen, inklusive Dentalhygiene, meist bei den Patientinnen und Patienten bleiben. Gemäss Obsan-Bericht aus dem Jahr 2025 kann diese oft fehlende Kostenübernahme durch die Krankenkassen ein Indikator sein, dass Menschen mit einer schlechten Mundgesundheit möglicherweise nicht deshalb Probleme mit Zähnen oder Zahnfleisch haben, weil sie diese vernachlässigen würden, sondern weil sie sich zahnärztliche Behandlungen nicht leisten können.  

Kein Geld, keine Kontrolle

Ein Hinweis für diese These liefert auch die neuste Auswertung des Bundesamts für Statistik: Personen ab 16 Jahren gaben im Jahr 2024 an, rund 4,2-mal häufiger auf notwendige zahnärztliche Behandlungen, einschliesslich Leistungen von Dentalhygieniker/-innen, und Kieferorthopäd/-innen, zu verzichten als auf notwendige medizinische Behandlungen, und zwar aus finanziellen Gründen. Die Erhebung des BFS zu Gesundheitsleistungen 2024 von Kindern bestätigt dieses Muster: Kinder aus armutsbetroffenen Haushalten nehmen medizinische Behandlungen grundsätzlich in Anspruch, verzichten jedoch überproportional häufig auf zahnärztliche Leistungen. Dies unterstreicht, dass die meisten Menschen in Armut ihre Gesundheit ernst nehmen, jedoch durch begrenzte finanzielle Mittel gezwungen sind, Ausgaben abzuwägen und notwendige Behandlungen aufzuschieben oder darauf zu verzichten. So meinte auch eine Teilnehmerin des Runden Tisches, die kurzzeitig von der Sozialhilfe abgelöst wurde, jedoch nur knapp mit den finanziellen Mittel zurechtkam: «Als ich es selber bezahlen musste, hatte ich die sonst jährlich durchgeführte Kontrolle ausgelassen.“ 

Unklare Zuständigkeiten erschweren rechtzeitige Behandlung

Unsere Erfahrung zeigt, dass armutsbetroffene Menschen häufig auch keinen ausreichenden Zugang zu zahnmedizinischer Versorgung haben, da neben den bereits beschriebenen finanziellen Barrieren auch strukturelle Hürden sowie unklare Zuständigkeiten eine rechtzeitige Behandlung erschweren. «Es stimmt, dass wir dieses Recht auf Gesundheit nicht unbedingt in Anspruch nehmen, weil wir nicht genau wissen, auf welche Behandlung wir Anspruch haben», betonte jemand an der Volksuniversität Vierte Welt im März 2025 in Bezug auf die Zahngesundheit. Dies verdeutlicht, dass sich Betroffene teilweise unzureichend informiert fühlen, wenn es darum geht, ihre Ansprüche geltend zu machen. Der Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft SSO beschreibt einen klaren Ablauf, sollte jemand im Gespräch mit einer Zahnärztin oder einem Zahnarzt darauf hinweisen, dass die finanziellen Mittel knapp sind: Teilt eine Patientin oder ein Patient mit, dass möglicherweise Anspruch auf Sozialleistungen besteht, erhalten Betroffene die notwendigen Informationen. Bei Unsicherheiten bezüglich eines möglichen Anspruchs werde empfohlen, den zuständigen Sozialdienst der Gemeinde zu kontaktieren. Zudem würden verschiedene Behandlungsalternativen mit unterschiedlichen Kosten aufgezeigt.  Für Menschen mit Armutserfahrung ist es nicht nur wichtig zu wissen, dass sie finanzielle Unterstützung bekommen können, sondern auch zu verstehen, wie die Abläufe in der Sozialhilfe oder bei den Ergänzungsleistungen funktionieren. Dies gilt auch für die Zahnärztinnen und Zahnärzte. 

SSO-Zahnärzt/-innen sind informiert

Der Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft SSO weist darauf hin, dass SSO-Zahnärztinnen und -Zahnärzte grundsätzlich gut über die Verfahren informiert sind, wenn Behandlungen über Sozialdienste finanziert werden. Sie erstellen Behandlungspläne und Kostenvoranschläge gemäss den kantonalen Vorgaben, welche in der Regel von den zuständigen Stellen geprüft werden. Gleichzeitig wurde im Austausch mit armutsbetroffenen Menschen eine andere Erfahrung geschildert: Eine Teilnehmerin des Runden Tisches berichtete, dass sie erlebt habe, dass vereinzelt Zahnärztinnen und Zahnärzte nicht mit dem Verfahren vertraut waren, was bei Behandlungen von Sozialhilfebeziehenden zur Anwendung kommt. Dies deutet darauf hin, dass zwischen formalen Regelungen und gelebter Praxis Unterschiede bestehen können. Dies leider dann mit Folgen für Betroffene, die auf klare Abläufe angewiesen sind.

„Y biss mi dure“

Es gibt weitere Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Wer von Armut betroffen oder gefährdet ist, kämpft oft mit drängenderen Sorgen als einem Zahnarzttermin – etwa mit der Frage, wie Miete, Strom oder Lebensmittel bezahlt werden sollen. „Es gibt Zeiten im Leben, zum Beispiel bei einer prekären Wohnsituation, in denen es viel schwieriger ist, den Zähnen Sorge zu tragen», schilderte eine Teilnehmerin des Runden Tisches. Ihr Fazit überrascht daher nicht: „Y biss mi dure“, antwortete sie auf die Frage, wie sie mit ihren grossen Zahnproblemen umgeht.

Folgen einer mangelnden Mund- und Zahngesundheit

Wie eingangs festgehalten, trägt eine gute Mund- und Zahngesundheit wesentlich zum allgemeinen Wohlbefinden bei, entsprechend wirken sich potentielle Einschränkungen in diesem Bereich auch auf Selbstbewusstsein, soziale Teilhabe und Lebensqualität aus. Zudem können Schmerzen und Unwohlsein aufgrund von Zahnproblemen die Gesundheit und Lebensfreude stark einschränken und schwerwiegende Folgen haben. 

Beinträchtigungen können mit psychischen Symptomen verbunden sein

Eine Studie aus Ulm zeigt, dass Beeinträchtigungen der Mundgesundheit häufig mit psychischen Symptomen wie Depressionen, Ängsten und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verbunden sind. Auch die WHO macht darauf aufmerksam, dass insbesondere unbehandelte Karies sich negativ auf die Lebensqualität auswirken und sowohl die körperliche Gesundheit als auch die soziale und psychische Integration beeinträchtigen kann. Erkrankungen wie Karies und chronische Zahnfleischentzündungen stehen auch in Zusammenhang mit verschiedenen systemischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Atemwegserkrankungen. Eine gezielte Förderung der Mundgesundheit kann daher das Risiko für diese schwerwiegenden Erkrankungen verringern und damit die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung stärken.

Späte erkannt = schwer zu heilen

Im Gegensatz zu früh erkannten Problemen wie Karies, Parodontitis und sogar Krebs (regelmässige Kontrollen der Mundschleimhäute) sind spät erkannte Erkrankungen oft schwieriger zu behandeln, erfordern kostspielige Behandlungen, verschlechtern die Prognosen für die Patient/-innen und erhöhen gegebenenfalls die Belastung für das Gesundheitssystem. Eine Teilnehmerin des Runden Tisches wies zudem darauf hin, dass das Prinzip der «einfachen, wirtschaftlichen und zweckmässigen» Behandlung der Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen nicht immer sinnvoll sei. Sie schilderte ihre persönliche Situation so: „Ich bin gleichzeitig auch noch eine Kieferknirscherin. Zum Glück habe ich eine Schiene. Die muss man ja selber bezahlen. Ich habe sie damals noch machen lassen, als ich Geld hatte.“ Ihr Beispiel macht deutlich, dass bestimmte präventive oder begleitende Massnahmen, wie die geschilderte Aufbissschiene, zwar medizinisch sinnvoll sind, möglicherweise jedoch nicht immer unter die vergüteten Leistungen fallen und daher für Menschen mit knappen finanziellen Mitteln kaum zugänglich sind.

Auftreten kann beeinflusst werden

Zahngesundheitsprobleme können auch zu Fehlzeiten am Arbeitsplatz oder einer verringerten Arbeitsfähigkeit führen, was die berufliche Teilhabe einschränkt aber auch die Lebensqualität verringert. Laut einer amerikanischen Studie kann eine schlechte Zahngesundheit zudem die Wahrscheinlichkeit, einen Job zu finden, beeinträchtigen. Die Erscheinung von Zähnen und Mund kann eine bedeutende Rolle bei der Einstellungspraxis spielen. Vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen und sichtbaren Zahngesundheitsproblemen haben häufig das Gefühl, negativ beurteilt zu werden, was ihr Selbstvertrauen mindert, und die soziale Teilhabe einschränkt. Dieser Fakt wurde auch am Runden Tisch besprochen. Besonders im Arbeitskontext wo man mit externen Personen zu tun hat, scheinen schöne Zähne wichtig zu sein. In Tätigkeiten mit direktem Kundenkontakt, etwa in Service- oder Gastronomiejobs, berichteten die Teilnehmer/-innen des runden Tisches von Schamgefühlen aufgrund sichtbarer Zahnprobleme. Das eigene Erscheinungsbild werde in solchen Situationen als besonders wichtig wahrgenommen. Demgegenüber würden Tätigkeiten, die eher im Hintergrund stattfinden, beispielsweise in der Reinigung, als weniger belastend erlebt, da äussere Merkmale dort eine geringere Rolle spielten. Einig waren sie sich jedoch „Zähne sind wichtig für die Jobsuche,“ und spielen dabei unterdessen eine wichtigere Rolle als beispielweise Tattoos: „Wenn Tattoos gut gemacht sind, zählt das inzwischen als Schmuck. Schlechte Zähne zählen oft als Hinweis darauf, dass man sich nicht darum kümmert. Das ist ein Stigma, das immer noch da ist.“

Handlungsbedarf und Veränderungsbedarf

Um der Nichtinanspruchnahme von zahnärztlichen Leistungen entgegenzuwirken, müssen verschiedene Akteure aktiv werden. Es gilt, sowohl finanzielle Hürden (z. B. formale Voraussetzungen für die Kostenübernahme, Information zu Leistungen) als auch andere Zugangsbarrieren (z. B. Verkennen der Lebenssituation von Menschen in Armut, soziokulturelle Hindernisse, Scham oder Sprachbarrieren) abzubauen. Die Winterhilfe Schweiz trägt derzeit dazu bei, indem sie die finanziellen Hürden verringert und weiterhin Zahnarztrechnungen mit Sozialtarif (Taxpunktwert: 1.00) bis CHF 3000 übernimmt, sofern die Voraussetzungen erfüllt werden und das Gesuch genehmigt wird. Damit dieses Angebot jedoch tatsächlich genutzt werden kann, müssen Betroffene überhaupt wissen, dass Organisationen wie die Winterhilfe Zahnarztkosten übernehmen. Der Zugang zu Information ist somit eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Unterstützung auch wirksam wird. Hier sind Sozialdienste, Zahnärzte und weitere Fachpersonen, die in Kontakt mit armutsbetroffenen und -gefährdeten Menschen stehen, in Pflicht, diese Information weiterzugeben. 

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Wichtige Zusatzinformationen

Zahnarztkosten in der Sozialhilfe

In den SKOS-Richtlinien, die für die Sozialhilfe massgebend sind, wird festgehalten, dass die Kosten für die jährliche zahnärztliche Kontrolle sowie für die Dentalhygiene übernommen werden. Weitergehende Zahnbehandlungen werden finanziert, sofern sie medizinisch notwendig sind und in einfacher, wirtschaftlicher sowie zweckmässiger Weise erfolgen. Ausser in Notfällen ist vor Beginn der Behandlung ein Kostenvoranschlag einzureichen und bewilligen zu lassen. Die Kosten werden dabei zum SUVA-Tarif beziehungsweise zum Sozialtarif des jeweiligen Kantons vergütet. Bei grösseren Behandlungen kann zudem die freie Wahl der Zahnärztin oder des Zahnarztes eingeschränkt werden.

Auch Personen, die nicht regelmässig Sozialhilfe erhalten, können beim Sozialdienst nachfragen, ob einmalig Kosten übernommen werden, zum Beispiel wenn eine plötzlich eintretende Zahnarztrechnung sie vor grosse finanzielle Probleme stellt. Siehe hier: SKOS -Anspruchsvoraussetzungen Einmalige Leistungen

Zahnarztkosten und Ergänzungsleistungen

Auch im Bereich der Ergänzungsleistungen (EL) gilt: Zusätzlich zu den jährlichen Ergänzungsleistungen können anspruchsberechtigte Personen bestimmte Kosten rückerstatten lassen. Dazu gehören auch die zahnärztlichen Behandlungen, sofern diese einfach, wirtschaftlich und zweckmässig sind. Welche weiteren Voraussetzungen für die Kostenübernahme an die Betroffenen gestellt werden (bspw. Kostenvoranschlag, mögliche Behandlungen etc.) regelt die Sozialversicherung des jeweiligen Kantons.